Woran genau arbeitet eigentlich die Arbeitsgruppe Dynamic Travel Frame (DTF)? Ein Besuch bei einem Workshop in Berlin.

Der lichtdurchflutete Meeting Space in Berlin hat mit einem typischen Konferenzraum, so wie man ihn kennt, wenig gemein. Knallige Pop Art an den Wänden, von der Decke baumeln bepflanzte Plexiglas-Kugeln, bunte Kissen auf einer Holz-Tribüne laden zum Sitzen ein. Im Hintergrund brummt eine Espresso-Maschine, Leute wuseln durcheinander und begrüßen sich herzlich. Hier trifft sich an diesem Mittwoch im April die Arbeitsgruppe Dynamic Travel Frame (DTF), die Teil der Netzwerk-Initiative „driversity“ ist.

Die Gruppe, die sich heute zum zweitägigen Workshop wiedersieht, ist bunt gemischt. Dazu gehören Mitarbeiter von Unternehmen wie American Express, DÜRR AG, PAREXEL oder Bertelsmann, hier treffen Travel Manager auf Vertriebler und Personaler auf Wissenschaftler der Hochschule Heilbronn. Es wird sich geduzt – wer wo in welchem Unternehmen welche Position innehält, ist erst einmal egal. Im Mittelpunkt steht die Person, die ihr Wissen teilt und mit den anderen diskutiert. Und das, so sind sich alle Teilnehmer einig, ist tatsächlich einzigartig und eröffnet völlig neue Denkweisen. Jeder hat andere Erfahrungen, die er bei DTF einbringt – aber alle haben das gleiche Ziel. Sie wollen die alte und starre Reiserichtlinie, die seit Jahren von vielen Unternehmen angewandt wird, durch eine neue, flexible und mitarbeiterindividuelle Travel Policy ersetzen. Die DTF-Gruppe sieht darin die Chance, im war for talents die Arbeitgeberattraktivität zu steigern. Zukünftig sollen die einzelnen Mitarbeiter und ihre Bedürfnisse im Fokus stehen, es geht um mehr Selbstbestimmung, natürlich innerhalb eines Rahmens, auf den sich auch der Arbeitgeber einigen kann.

„Freiheit“ ist ein Begriff, der an diesem Tag oft fällt. Freiheit für den Mitarbeiter, der sich seine Reise individuell gestaltet. Der vielleicht einen teureren Flug wählt, weil er dadurch nicht dreimal umsteigen muss. Oder ein Hotel wählt, das in Kundennähe liegt, und dann nicht stundenlang im Rush-Hour-Stau stehen muss. Der sich von seinem Arbeitgeber keinen Dienstwagen, sondern lieber eine Bahncard 100 wünscht. „Natürlich müssen Eckdaten definiert werden, trotzdem sollte er die Freiheit genießen, sich das Reisen so angenehm wie möglich zu machen“, erklärt Dörte Gehring, Head Of Corporate Mobility Management beim Axel Springer Verlag. „Dieser Mitarbeiter, so der Kerngedanke bei DTF, wird am Ende zufriedener und weniger krank sein und sicher auch effizienter arbeiten.“

Seit einem Jahr werkelt die DTF-Gruppe an ihrem Projekt. Das Themenfeld ist komplex, neben Kosteneinsparung im Travel Management werden weitere Faktoren beleuchtet: Produktivitätsverluste, Fluktuation, Mitarbeiterunzufriedenheit, Krankheitsquote. Zwischen den Treffen kümmern sich die Teilnehmer um tiefergreifende Fragen, die bei den Workshops auftauchen, recherchieren oder durchforsten Studien, die Ergebnisse werden dann erneut zusammengetragen.

„Bei der Reiserichtlinie, die Unternehmen derzeit nutzen, geht es in erster Linie um Kontrolle, so Wolfgang Schellenberg, Director Account Management.

American Express Global Business Travel: „Wie kann ich den Mitarbeiter kontrollieren, damit der nicht zu viel Geld ausgibt?“ Schellenberg findet, dass die Unternehmen ihren Angestellten ruhig mehr Vertrauen schenken sollten. Die würden schon vernünftig mit dem Geld umgehen – aber es so machen, wie es für sie am besten ist.

Gerade hat die DTF-Arbeitsgruppe erfahren, dass sich ein großes Unternehmen bereit erklärt hat, eine ihrer Ideen zu pilotieren. Diese News sorgt für beste Stimmung – immerhin haben die Teilnehmer schon viel Arbeit in die Umsetzung von einer neuen Reiserichtlinie gesteckt. Wie großartig also, dass es jetzt sogar einen Schritt weitergeht. Das liegt Michael Birk, Teil der DTF-Gruppe, aber auch „driversity“-Mitorganisator, wirklich am Herzen: „Nichts ist frustrierender, als wenn tolle Projekte am Ende nicht umgesetzt werden. Wir wollen wirklich vom Wort zur Tat kommen.“

Drei Vorträge stehen an diesem Mittwoch auf dem Programm. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe DTF lauschen konzentriert, danach stellen sie Fragen und diskutieren. Und zwar ganz ungezwungen, hier sagt jeder, was er denkt. Die Meinungen gehen von „Braucht man das?“ bis hin zu „Spannend, das habe ich noch nicht gewusst.“ Mit den neuen Erkenntnissen wird morgen weitergearbeitet.

Die Sonne versinkt langsam über den Dächern Berlins. Nachdem sie den ganzen Tag über den Verkehr der Zukunft diskutiert haben, gehen die Teilnehmer des DTF jetzt noch gemeinsam essen. Zu Fuß.

Vorstellung der Teilnehmer von DTF und warum sie an driversity teilnehmen

„Wer viel reist, sollte mehr Freiheiten haben“

 

Dörte Gehring, Head Of Corporate Mobility Management beim Axel Springer Verlag, über den ganz normalen Verkehrs-Wahnsinn, neue Ideen zum Thema Mobilität und warum ein entspannter Mitarbeiter ein besserer Mitarbeiter ist.

Warum engagierst du dich bei driversity?

„Die Mobilität, wie wir sie heute erleben, steckt in einer Sackgasse. Stau, Stress, schlechte Luft und miese Laune sind an der Tagesordnung. Gerade in einer Stadt wie Berlin fällt mir auf, wie negativ Mobilität sein kann – obwohl sie ja lebenswichtig ist. Ich wohne selber in einem Randgebiet und muss irgendwie an meinen Arbeitsplatz kommen, einkaufen, zum Arzt, die Kinder müssen in die Kita, die ganz normalen Alltagswege eben. Ohne Mobilität geht es nicht, klar, aber so, wie wir sie im Moment erleben, geht es eben auch nicht. Ich möchte helfen, Lösungen zu finden, damit sich die Lage in Zukunft wieder entspannt.“

 

Die Zufriedenheit der Mitarbeiter steht immer mehr im Fokus. Wie ist das bei dir im Unternehmen?  

„Das ist ein großes Thema bei Axel Springer, da der Verlag gerade ein neues Gebäude baut. Und da gibt es viele Projektgruppen, die sich mit der Frage befassen: wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Der Input der Mitarbeiter ist da sehr wichtig. Aber generell fällt mir schon auf, dass sich diese ganzen New-Work-Diskussionen häufig auf Punkte beschränken wie: Großraumbüro oder Einzelbüro? Bunte Hocker oder Ping-Pong-Tische? Das Thema Travel wird da meistens außer Acht gelassen.“

 

Wie denkst du darüber?

„Wir bei DTF sind sicher, dass es ein Vielreisender sehr begrüßen würde, wenn er in einem flexibleren Rahmen freie Entscheidungen treffen könnte. Zum Beispiel, ob er einen Tag früher oder einen Tag später anreist. Welches Hotel er wählt, ob er lieber im Grünen oder zentral wohnt. Natürlich müssen ein paar Eckdaten definiert werden, trotzdem sollte er die Freiheit genießen, sich das Reisen so angenehm wie möglich zu machen. Dieser Mitarbeiter, so der Kerngedanke bei DTF, wird am Ende zufriedener und weniger krank sein und sicher auch effizienter arbeiten.“

 

Ist das deine Annahme oder gibt es tatsächlich Studien zu diesem Thema?

„Ja, es gibt eine große Anzahl von Studien, die wir im Vorfeld durchforstet haben. Die stellen allerlei Zusammenhänge dar – zwischen Fluktuation, Gesundheit und häufigem Reisen. Darunter ist auch eine viel zitierte Gallup-Studie, auf die wir uns gestützt haben.“

 

Du sagst, dass du die Mobilität, wie wir sie gerade erleben, gerne ändern würden. Wie sähe deine absolute Wunschvorstellung aus?

„Ich träume von einem perfekten öffentlichen Nahverkehr. Ich stelle mir das so vor: Ich programmiere meine Fahrt und dann holt mich eine Kugel ab, die autonom und auf fest definierten Bahnen durch die Stadt gleitet. Es gibt keine Unfälle mehr, weil jemand zickzack fährt oder überraschend bremst. Meine Kugel biegt an der richtigen Stelle ab, mäht keine Radfahrer um, und ich steige total entspannt aus. Das ist meine Zukunftsvision. Die gilt auch für den ländlichen Raum: niemand sollte sich mehr Sorgen machen, ob er im Alter noch den richtigen Bus findet oder sich ein Taxi leisten kann, um zum Einkaufen oder ins Krankenhaus zu fahren.“

„Die eigene Denkrichtung wird auf den Kopf gestellt“

 

Benjamin Park ist Global Travel Manager bei Parexel, einem der weltweit größten Forschungsinstitute zur Planung und Durchführung klinischer Studien. Im Interview spricht er über die besondere Atmosphäre bei den „driversity“ -Workshops, seinen Wunsch, eine neue, faire Reiserichtlinie zu gestalten und er verrät, warum er keine Warteschlangen mag.

Was genau war deine Motivation, dich bei dem Dynamic Travel Frame-Projekt (DTF) zu engagieren?

„Jede Firma hat eine Reiserichtlinie, auch Travel Policy genannt, bei der leider alle Mitarbeiter über einen Kamm geschert werden. Da müssen sich dann sehr große Menschen in Economy-Sitze zwängen, weil es so vorgeschrieben wird. Oder sie müssen den Mietwagen in der Kompaktgröße wählen, egal, wieviel Gepäck sie dabeihaben. Die Reiserichtlinie wurde vor Ewigkeiten mal ins Leben gerufen, um Kontrolle über Reisekosten zu erlangen, aber sie betrachtet den Mitarbeiter nicht im Einzelnen. Kein Wunder, dass viele Unternehmen mit ihrer Travel Policy unzufrieden sind. Aber noch ist es niemandem gelungen, eine neue Richtlinie zu gestalten, die fairer, flexibler und individueller ist – und trotzdem nicht den Kostenrahmen sprengt. Das wollen wir bei DTF ändern.“

 

Das „driversity“-Netzwerk geht ja bewusst unkonventionelle Wege, um an neuen Projekten zu arbeiten. Was gefällt dir daran?

„Hier herrscht eine besondere Stimmung, es wird noch mehr experimentiert mit neuen Formen der Ideengewinnung. Was ich bemerkenswert finde, ist der Fakt, dass wir innerhalb der Gruppe alle gleich sind. Wir geben unseren Rang oder Titel mit der Jacke an der Garderobe ab. Ob jemand Einkäufer oder Lieferant ist, spielt hier keine Rolle. Da darf man dann auch mal untereinander ein Späßchen machen, ohne hinterher denken zu müssen: ‚Oh nein, das hätte ich nicht sagen dürfen, da hängen ja wirtschaftliche Verträge dran’“.

 

Und was lernst du von den anderen?

„Man ist ja oft gefangen in seiner eigenen Welt mit seiner eigenen Denkrichtung – die wird hier mal aufgebrochen und auf den Kopf gestellt. Das finde ich inspirierend. Und: Wir geben einander viel Feedback. Da sitzt niemand dabei, der ein reiner Nutznießer ist. Wir alle versuchen, soviel Input wie möglich zu geben.“

 

Die Arbeitswelt befindet sich in einem stetigen Wandel – was bedeutet das für Geschäftsreisende? 

„Die Leute arbeiten flexibler und es wird immer irrelevanter, von wo sie arbeiten. Die einen sitzen im Firmengebäude am Schreibtisch, die anderen klappen im Flugzeug oder in der Bahn ihr Laptop auf – aber sie arbeiten. Da muss noch mehr Umdenken stattfinden. Vor allem müssen Personalabteilung, Facility Management, Travel Management und die IT alle zusammen an einem Strang ziehen.“

 

Angenommen, du hättest in Sachen Mobilität einen Wunsch frei, wie sähe der aus?

„Dann könnte ich mich per Fingerschnippen von einem Ort zum anderen beamen. Nein, ernsthaft: Mein größter Traum wäre es, Wartezeiten zu vermeiden. Lange Warteschlangen und Verspätungen sind die zwei Faktoren, die bei den Reisenden für den meisten Stress sorgen. Ich weiß das, weil ich selber gefühlt ein Drittel meines Lebens in irgendwelchen Warteschlangen verbringe. Wenn man durch cleveres Verknüpfen von Systemen dieses unnötige Herumstehen vermeiden könnte, würde es das Reisen so viel entspannter machen.“

„Manchmal behindert ein Dienstwagen mehr, als dass er etwas nutzt“

 

Gunter Glück ist Fachjournalist und Referent im Bereich Mobilitätsmanagement, dazu ist er in diversen Beirats- und Aufsichtsratspositionen bei Anbietern im Mobilitätssektor tätig. Im Interview spricht er darüber, warum man auf die sich ändernden Bedürfnisse der Mitarbeiter reagieren muss – und wie das aussehen könnte

Warum engagierst du dich bei driversity?

„Es gibt einen wachsenden Anteil von Mitarbeitern, die mit der Dienstwagenstruktur, wie sie heute angeboten wird, immer weniger anfangen können. Die wünschen sich von ihrem Arbeitgeber andere Mobilitätsangebote. Und driversity  zielt ja im Grunde vor allem auf diese flexiblere Angebotswelt ab. Dazu kommt, dass die Art und Weise der Zusammenarbeit hier neu und ganz anders ist. Das ist auch für mich spannend und einer der Beweggründe, warum ich unbedingt dabei sein wollte. Klar, auch in Unternehmen wird mal bereichsübergreifend gearbeitet, aber in der Konsequenz wie das bei driversity geschieht, kannte ich das bislang nicht“

 

Was genau hoffst du zu ändern?

„Wir müssen uns auf die veränderten Lebens-und Arbeitswelten der Menschen einstellen. Mitarbeiter, die in Berlin, Hamburg oder München leben, sagen vielleicht: so ein Dienstwagen in der Stadt, der behindert mich mehr, als dass er mir etwas nutzt. Wenn ich den nicht unbedingt für dienstliche Belange brauche, würde ich mir andere Angebote wünschen. Zum Beispiel: die Bahncard 100, ein Abo für die Öffentlichen Verkehrsmittel oder ein E-Bike. Und wenn ich dann doch mal ein Auto benötige, stellt mir mein Arbeitgeber einen Mietwagen zur Verfügung. Das wäre perfekt.“

 

Und wie kommst du mit deiner Arbeit bei DTF voran?

„Gut, wir haben sogar schon einen Piloten am Start. Aber wir haben es auch schon erlebt, dass wir unseren Lösungsansatz vorgestellt haben und unser Gegenüber sagte: ‚Ist ja schön, was ihr da alles erarbeitet habt, aber auf uns trifft das leider gar nicht zu.’ Es gibt Unternehmen, die bereits selber flexible Lösungen eingeführt haben. Da ist es wichtig, die Zielgruppe genau zu definieren.“

 

Hast du eine Vision, wie die perfekte Mitarbeitermobilität aussehen könnte?

„Zum Beispiel so: ein Unternehmen gibt einen gewissen Rahmen vor, der kann finanzieller oder auch ökologischer Natur sein. Innerhalb dieses Rahmens kann sich der Mitarbeiter frei bewegen. Er hinterlegt ein Profil mit seinen persönlichen Präferenzen. Sollte es zu Störungen kommen, gäbe es ein System, das automatisch neue Streckenprofile ergänzt oder umbucht. Der Mitarbeiter müsste sich um nichts mehr kümmern.“

 

Eine letzte Frage. Würdest du die Teilnahme an driversity weiterempfehlen?

„Natürlich, sonst wäre ich ja nicht dabei (lacht). Bei solchen Gruppenarbeiten eröffnen sich eine Vielzahl von neuen Perspektiven, die den eigenen Horizont ungemein erweitern. Außerdem wird darauf geachtet, dass gut moderiert und angeleitet wird und am Ende des Tages auch verwertbare Ergebnisse auf dem Tisch liegen.“

„Wir müssen lernen, ganz andere Fragen zu stellen“

 

Michael Birk, Leiter Strategisches Kunden- und Projektmanagement bei DB Vertrieb, gehört zu den Gründern des driversity Netzwerks und ist selber Teil der Projektgruppe DYNAMIC TRAVEL FRAME (DTF). Im Interview spricht er über die Freiheit beim Reisen, den wichtigsten Motivations-Kick beim Workshop und er erklärt, warum er seine Kunden jetzt besser versteht

Warum ist eine Netzwerkinitiative wie „driversity“ so wichtig?

„Es gibt in Unternehmen oder auf Veranstaltungen immer wieder neue Ideen und Leute, die Lust haben, diese umzusetzen. Wir wollten diesen Menschen einen Raum und ein Format geben, sich auszutauschen und an ihren Ideen zu arbeiten. Und da bot sich eine Netzwerkinitiative wie „driversity“ an, weil die Lösungen manchmal quer liegen. Die sind komplex, Mobilität endet bei der Zuständigkeit eben nicht an Bürotüren. Wichtig war uns auch, andere Unternehmen mit einzubeziehen. Denen haben wir gesagt: ‚Hey, wir begleiten Eure Ideen, aber wichtig ist: kommt vom Wort zur Tat!’ Denn das ist ja leider häufig der Fall: man denkt sich tolle Projekte aus, aber dann hapert es bei der Umsetzung oder man geht sie erst gar nicht an.“

 

So viele unterschiedliche Menschen und Denkansätze unter einem Dach – das klingt aufregend, aber auch nach viel Arbeit… 

„Doch, das ist natürlich viel Arbeit für uns als Team, weil diese Art des Netzwerkens auch für uns Neuland ist. Bei den Workshops lösen wir auch dieses klassische B2B-Paradigma auf: da gibt es einen Kunden und da gibt es einen Key-Account-Manager der Bahn und man trifft sich viermal im Jahr und führt ein Verkaufsgespräch, jeder gefangen in seiner Rolle. Bei DTF zum Beispiel sitzen wir auch mit unseren Kunden zusammen, aber wir haben eine fast schon familiäre Atmosphäre aufgebaut. Bei unseren Workshops lösen wir diese Distanz zwischen Verkäufer und Käufer auf, wir duzen uns und begegnen uns auf Augenhöhe, immer die gemeinsame Idee im Blick.“

 

Und was lernst du von den anderen?

„Viel! Weil ich mich plötzlich auf eine Ebene begebe, auf der ich den Kunden verstehen kann und nicht das eigene Produkt zwischen uns steht. Und darum geht es ja: das Verstehen und Lernen. Wenn ich offen bin und mich auf den anderen einlasse, dann kapiere ich plötzlich: was treibt diesen Menschen und seine Reisenden um? Was bewegt ihn bei seiner persönlichen Mobilität? Mit welchen Prozessen und Schnittstellen hat er intern zu tun? Wie kann sich Mobilität im Spannungsfeld von Unternehmenspolitik und gesellschaftlichen Trends entwickeln? Solche Fragen würden in einem Verkaufsgespräch nie gestellt werden.“

Was bedeutet für dich persönlich optimale Mitarbeiter-Mobilität?

„Wenn ich mich als Mitarbeiter individuell – nach meinen Bedürfnissen und auch Wünschen – entfalten kann und wenn ich die dafür nötigen Freiheiten habe. Ich lasse mich gerne regulieren in Form von Kosten – aber in dem Rahmen will ich Bewegung und Spielraum. Das ist für mich das Wichtigste.“

 

Aber was ist so schwierig daran, diese Vorstellung umzusetzen?

„Bei DTF haben wir uns lange mit dem ewigen Killer-Argument: ‚Es darf nicht mehr kosten’ beschäftigt. Dazu haben wir viel recherchiert und Statistiken ausgewertet, um es mal greifbar zu machen: worüber reden wir eigentlich? Was kostet eine Geschäftsreise im Vergleich zu sonstigen Arbeitskosten? Es wird immer so getan, als sei Mobilität eine zusätzliche Ausgaben, die man dringend unter Kontrolle halten muss. Warum betrachtet man das nicht mal als Investition?“

 

Kannst du das genauer erklären?

„Nehmen wir zum Beispiel eine Mitarbeiterin, die auf ihrer Geschäftsreise drei Mal umsteigen muss und erst mitten in der Nacht nach Hause kommt, nur weil es billiger ist. Die fällt vielleicht ein paar Tage aus, weil sie krank wird, oder ist im Anschluss an die Reise deutlich unproduktiver. Vielleicht holt sie nicht den wichtigen Auftrag, weil sie beim Kunden nicht ausgeschlafen und entspannt ist. Wir müssen uns also ganz andere Fragen stellen. Nicht mehr: wie reise ich am günstigsten und effizientesten von A nach B? Sondern: Was macht Mobilität mit unserer Zufriedenheit, Gesundheit und Produktivität?“

 

Die DTF-Gruppe gibt es jetzt seit knapp einem Jahr. Worauf bist du am meisten stolz?

„Dynamic Travel Frame ist kein fertiges Produkt, sondern ein Konzept mit verschiedenen Eckpunkten. Ein Unternehmen hat gerade zugesagt, eine unserer Ideen zu pilotieren. Darauf bin ich stolz. Das ist für uns ein unglaublicher Antrieb, weil wir sehen, dass eine Idee funktioniert und tatsächlich umgesetzt wird.“

„Es findet ein Umdenken statt“

 

Wolfgang Schellenberg, Director Account Management American Express Global Business Travel, über Zukunftsvisionen, Mitarbeiter-Verantwortung und echte Aha-Momente

Mit der Netzwerk-Initiative „driversity“ wird ja auch auf die sich rasant ändernde Arbeitswelt reagiert. Wie sehen deine Erfahrungen aus?

„Mir fallen da zwei Punkte auf. Zum einen die Arbeitsverdichtung, das bedeutet: weniger Menschen müssen mehr machen. Mitarbeiter, die reisen, sind daher noch mehr unterwegs und auch einem gewissen Kostendruck unterlegen. Die zur Verfügung stehende Zeit für eine Geschäftsreise ist ein weiterer Aspekt. Mir fällt auf, dass gerade unter jüngeren Kollegen ein Umdenken stattfindet. Diese versuchen zum Beispiel unter anderem auch aus ökologischen Gründen vermehrt zwischen Alternativen wie Flugreisen, Bahn oder Firmenwagen zu entscheiden. Oder sie sagen: ich brauche keinen Firmenwagen, weil ich ihn viel zu selten nutze. Auch die Art des Buchens ändert sich immer mehr, viele Kollegen – hier allen voran die jüngeren– möchten zum Beispiel online buchen oder eine App nutzen“

 

Die Art und Weise, wie bei „driversity“ Ideen gewonnen werden, ist für viele Teilnehmer neu und ungewöhnlich. Für dich auch?

„Nein, ich arbeite in einem amerikanischen Unternehmen, das die Brainstorm-Kultur schon immer großgeschrieben hat. Amerikaner gehen Probleme generell anders an, sie sagen: ‚Okay, ich hab’ zwar erst achtzig Prozent der Lösung, aber ich beginne trotzdem schon einmal und sehe dann, wie es weiter geht.’ Bei den Deutschen muss immer erst alles hundertprozentig korrekt sein, bevor sie irgendeinen Prozess in Gang setzen. Was mir beim „driversity“-Set-Up gefällt, ist der Workstream: dass mehrere Teams parallel an Projekten arbeiten und sich hin und wieder updaten, weil irgendwie alles ineinandergreift. Außerdem finde ich es gut, dass sich doch viele Unternehmen in diesem Projekt – unter der Leitung der Bahn – um dieses Thema bemühen und sehr engagiert sind. Ich mag Unternehmen, die in die Zukunft schauen.“

 

Du engagierst dich seit einem Jahr bei der DTF-Arbeitsgruppe. Hattest du schon einen Aha-Moment?

„In jedem Workshop lerne ich etwas Neues. Wir reden viel über Zukunftsvisionen, da kommen jede Menge spannende Gedanken zusammen. Aber eine echte Aha-Situation werden wir erst erleben, wenn wir aus dem Theoretisieren heraus in die Umsetzung kommen. Wenn wir dann sagen können: ‚Aha, das funktioniert ja tatsächlich, was wir uns ausgedacht haben!’ Denn egal, was für tolle Ideen wir auch haben, am Ende müssen wir Menschen dafür begeistern, diese Ideen auch umzusetzen.“

 

Was würdest du beim Thema Mitarbeiter-Mobilität gerne sofort ändern?

„Aus Unternehmenssicht kommen wir ja aus dem Industriezeitalter, das bedeutet, wir sind sehr kostenfokussiert getrieben. Bei der Reiserichtlinie, die Unternehmen derzeit nutzen, geht es in erster Linie um Kontrolle: Wie kann ich den Mitarbeiter kontrollieren, damit der nicht zu viel Geld ausgibt? Das ist der Fokus. Ich denke, dass man das auch anders angehen kann, indem man Teile der Verantwortung des Prozesses ruhig an die Mitarbeiter abgibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand plötzlich nur noch mit einer Nobelkarosse umherfährt oder in First-Class-Hotels absteigt. Nein, die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter wird mit dem Geld vernünftig umgehen – aber es so machen, wie es für sie am besten ist.“

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