„driversity unplugged:
Wir-tuell für eine Mobilitätswende“

Kein Publikum im Kreativraum des Kaiserbahnhofs in Potsdam, stattdessen Kameras und Kabel. Corona stellte auch das Netzwerktreffen im Juni vor neue Herausforderungen – zum ersten Mal fand es virtuell statt. „Wir sind vor drei Jahren als Experiment gestartet“, erinnerte sich Initiator Michael Birk, Leiter Strategisches Kunden- und Projektmanagement bei der DB Vertrieb GmbH. „Warum nicht jetzt mal den digitalen Versuch wagen?“ Zusammen mit Moderator Arndt Pechstein begrüßte Michael Birk die driver, die sich per Chatfunktion jederzeit aus ihren Homeoffices zu Wort melden konnten.

Zunächst gab es News aus dem Netzwerk: Die driversity-Website wurde überarbeitet und auf der Plattform [21]Zone finden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein neues virtuelles Zuhause. Darüber hinaus soll ein neues Kommunikationskonzept driversity transparenter machen und nach außen tragen. „Wir wollen die Teams stärker ausrichten, die Erkenntnisse intensiver auswerten“, erklärte Birk. Er wünsche sich für die Zukunft, dass driversity noch mehr über den Tellerrand der Mobilität hinausblicke.

Die Verkehrswende ist menschlich – nicht technisch” lautete der Titel der Keynote von Katja Diehl, Kommunikations- und Unternehmensberaterin mit Schwerpunkten in Mobilität, Neuem Arbeiten und Diversität (SheDrives Mobility). „Das alte System ist am Limit, wir müssen uns bemühen, Alternativen sichtbarer, den Nahverkehr intuitiver verständlich zu machen.“ Um einen echten Wandel herbeizuführen, brauche es Zeit und die Bereitschaft aller Beteiligten einander zuzuhören.    

 

„Es bringt nichts, einfach nur eine App auf den Markt zu schmeißen.“  

Neben Katja Diehl und Michael Birk nahmen an der ersten Panel Diskussion auch Ioana Freise (Wunder Mobility) und Hille Bekic (Velokonzept Saade GmbH) teil. „Die Komponente Mensch ist wichtig“, betonte auch Ioana Freise, „Wir müssen individuell und kontinuierlich schauen: Was brauchen wir wirklich? Es bringt nichts, einfach nur eine App auf den Markt zu schmeißen.“ Auch Hille Bekic unterstrich, dass die Lösung für alle Probleme nicht immer Technologie sein muss. „Herz und Bauch sollten sich genauso angesprochen fühlen wie der Kopf.“ Den Impuls für eine Veränderung erreiche man eher über Bilder und Informationen. „Normalerweise ändern wir unser Verhalten nur, wenn wir darin einen Vorteil für uns erkennen“, erklärte Katja Diehl. „Bei Corona war das anders. Da sind alle zu Hause geblieben, um andere Menschen zu schützen. Es geht also. Wir dürfen jetzt nur nicht wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen. In eingefahrenen Spurrillen findet kein Wandel statt.“  

„Wir müssen viel optimistischer und radikaler sein.“ 

Die erste Impuls-Diskussion trug das Motto “driversity unfolds people – Auf Sicht fahren ist MUTlos!”. Dazu schalteten sich live dazuMarkus Stelzmann (Tele Haase),  Corinna Maag (systemische Unternehmensberatung), Dorothee Töreki (Der Zauber des Digitalen) sowie Sven Visser (Dell Technologies). Und der stieg direkt in das Thema ein: „Ich höre immer wieder den Satz: ‚In der Krise fahre ich lieber auf Sicht.’ Das ist falsch. Gerade jetzt, wo viele Dinge nicht planbar sind, müssen wir viel optimistischer und radikaler in die Zukunft schauen.“ Ein Tipp für alle, die sich alleine nicht trauen, neue Wege zu beschreiten: Die Initiative Unfold People hat auf linkedin die Gruppe „Muterreger“ gegründet, die Menschen dabei unterstütztihre Ideen zu realisieren.

Wie das in der Praxis aussehen kann, erzählte Heiko Luft, Leiter Unternehmensmobilität bei EnBW. Auf seine Initiative hin gründete sich eine spontane #Solidargemeinschaft, die Urlaubstage an Kollegen mit Kindern spendet, deren freie Tage aufgrund der Coronakrise schon aufgebraucht sind. Diese Idee wurde im Unternehmen schnell und unbürokratisch umgesetzt und fand großen AnklangUnd wieder die Erkenntnis: es geht doch!  

„Das gefühlte Erlebnis macht den Unterschied.“ 

 Als nächster Impuls-Geber sprach Sebastian Hofer (freifahrtmobilityinnovation) über das Thema: „Der individuelle und gesellschaftliche Wert der Mobilität”Er nannte Zahlen, die zeigten, was für absurde Ausmaße unser Traum vom eigenen Auto inzwischen angenommen hat. Würde man beispielsweise alle Fahrzeuge weltweit auf einen Parkplatz stellen, erhielte man eine Fläche von der Größe Polens. Aber, so Hofer, bringe es nichts, die Automobilindustrie schlechtzureden. Viel wichtiger sei es, in den Menschen neue Träume zu wecken. „Das gefühlte Erlebnis macht den Unterschied. Wir brauchen Testpiloten, Reallabore und weitere Möglichkeiten, nachhaltige Alternativen erlebbar zu machen.“  

 Manchmal hilft eine Krisesolche Pläne zu beschleunigenTheresa Mayer, Projektmanagerin bei door2door, berichtete über ein geplantes Ridepooling-Projekt mit den Stadtwerken Augsburg. „Überlegt wurde, Studenten einen On-Demand-Service anzubieten, der sie in ihre Wohnheime bringt. Dann kam Corona und die Stadtwerke entschieden spontan, dass sie viel dringender einen Ergänzungsverkehr für das Personal des Uniklinikums Augsburg benötigt. So wurde in kürzester Zeit der Medishuttle #Swaxi an den Start gebracht.“   

 „Wie baut man Häuser, die auf Mobilität der Zukunft ausgerichtet sind? 

Als dritte und letzte Impulsgeberin referierte die Architektin und Stadtplanerin Julia Erdmann (JES – Julia Erdmann Socialtecture) über driving architecture towards a mobility-diverse future. Ihr Unternehmen will Architektur und echtes Leben zusammenbringen. Sie berichtete von ihrer Arbeit am Hamburger Projekt Hammbrooklyn Future Campus. „Wir vereinen Experten aus allen Bereichen. Neu ist, dass wir jetzt auch Mobilitätsplaner mit an Bord haben“, so Erdmann: „Tiefgaragen bauen kann ja jeder, aber wie baut man Häuser, die auf eine zukunftsfähige Mobilität ausgerichtet sind?“ Mit Fahrradhäfen und Rampen, die durch das Gebäude führen – wir dürfen gespannt sein! 

Bereits einen Schritt weiter ist Ralph Rase von der Toyota Kreditbank, der von einem Bauprojekt in Berlin Neulichterfelde erzählte, bei dem den Bewohnern anhand von diversen Micromobility oder Sharing-Angeboten der Umstieg auf den ÖPNV erleichtert werden soll. „Wir verstehen das als Innovationsfeld, auf dem wir neue Vehikel aber auch Dienstleistungen ausprobieren können,“ so Rase.   

Kollaboration zwischen den Teams funktioniert 

 Zum Ende der „driversity unplugged“-Session durften natürlich auch die driver ans Mikro, um aus ihren Teams zu berichten. Den Auftakt machte Alexander Osterhold, Breitbandkoordinator der Klingenstadt Solingen bei Wirtschaftsförderung Solingen GmbH & Co. KG. Er berichtete über das Team Stöcken 17, das erst vor neun Monaten gegründet wurdeDie Frage, die sich den drivern stellte, war: Wie mobilisiert man eine alte Industriebrache am Stadtrand von Solingen, die zu neuem Leben erweckt werden sollEs fanden erste Treffen mit der Stadt Solingen und Mitarbeitern der Wirtschaftsförderung statt. Das driversity-Team „Stöcken 17 hat ein Konzept für drei Szenarien als Handlungsempfehlung für die Stadtplanung angefertigt, das derzeit nochmal überarbeitet wird.    

Angelika Münch, stellvertretende Projektmanagerin und Mitarbeiterin im Center of Expertise Benefits, erzählte vom Pilotprojekt MoBIFLex bei Boehringer Ingelheim, welches im Januar gestartet wurde. Der Kick-Off für den Piloten mit ca. 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war für den Sommer 2020 geplant, wurde aber aufgrund von Covid 19 auf April/Mai 2021 verschoben. Ziel des Piloten ist es im Rahmen einer Testphase erste Nutzerstimmen einzusammeln bevor weitere Entscheidungen unternehmensseitig getroffen werden. Dazu sollen einige Pilotteilnehmer für die Dauer von vsl. sechs Monten ihren aktuellen Firmenwagen gegen ein kleineres Fahrzeug eintauschen oder gar ganz auf diesen verzichten und bekommen im Gegenzug die eingesparten Kosten für die Nutzung des Mobilitätsbuffets zur Verfügung gestellt. Andere Pilotteilnehmer investieren mittels Bruttoentgeltumwandlung eigenes Geld. Mit dem so zur Verfügung stehenden Budget können die Teilnehmer unterschiedliche Verkehrsmittel nach Bedarf buchen, die sowohl dienstlich aber auch privat genutzt werden dürfen. Münch lobt die Zusammenarbeit mit anderen driversity-Teams wie Pink Elephant oder Tax Hacks und die Mitarbeit von driversity-Mitglieder im BI-Projektteam.

Neuester driversity-Zuwachs ist das Team ITS Hamburg 2021“, das zum ITS Weltkongress im nächsten Jahr ein Konzept für einen innovativen smart congress erarbeitet. „Nachhaltig, kreativ und mit Mehrwert für alle, erklärt Janine Härtel, Senior Project Manager Mobility beim ITS Büro in Hamburg. „Wir stehen noch relativ am Anfang und bauen gerade an einer Plattform, die das komplette Programm in der Stadt präsentieren soll, so dass auch das Nicht-Fachpublikum daran teilnehmen kann.“  

Das Team Tax Hacks kümmert sich um das Thema Steuern. „Der Gesetzgeber ist noch längst nicht so weit, die steuerlichen Regelungen für agile Mobilität oder hybride Nutzung von Dienstfahrzeugen sind noch zu komplex,“ so Jens Lemke, Geschäftsführer von Commodis. Sein Team hat ein White Paper mit Vorschlägen zu dem Thema erstellt, das jetzt in die politische Diskussion gehen wird.

 driversity unplugged“ hat authentisch viele Perspektiven beleuchtet und das Mindset erweitert. Im Gegensatz zum klassischen Netzwerktreffen wurde der Fokus auf ein breiteres Spektrum gelegt, um auch die Vielfalt der Themen und Persönlichkeiten im Netzwerk zu präsentieren.