Dr. Arndt Pechstein lebt in Berlin und ist Gründer der Boutique-Beratungsfirma phi360, Vorsitzender der Biomimicry Academy sowie agiler Coach und Change Consultant, der branchenübergreifend mit Unternehmen und KMU zusammenarbeitet. Arndt hat einen Doktortitel in Neurowissenschaften und verfügt über Fachkenntnisse in den Bereichen Biomimikry, Design Thinking, Agile, Exponential Organizations und digitale Geschäftsmodelle.

Ich liebe es, mein Leben zu optimieren und mich permanent im Alltag zu verbessern. Die Quelle dieses Verhaltens liegt sicherlich zum Teil in meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit asiatischen Kampfkünsten, dem Taoismus und Zen. Es passt aber auch sehr gut zu dem stark wachsenden Trend des ‚Optimized-self‘. Noch vor knapp 10 Jahren bestritt ich so beispielsweise meinen 30km Arbeitsweg von Berlin Dahlem zum Forschungscampus Buch häufiger mit Fahrrad. Warum nicht das Training mit dem Notwendigen verbinden? Doch Radfahren kann jeder. Also trainierte ich, an allen roten Ampeln die Balance auf den Pedalen zu halten, um nicht absteigen zu müssen und bei grün schneller starten zu können. Mit etwas Training gelang es mir, den gesamten Weg von etwa einer Stunde quer durch Berlin zurückzulegen, ohne den Boden je mit meinen Füßen zu berühren (und ohne rote Ampeln zu ignorieren) – Spaß, Effizienz und Propriorezeptor-Training inklusive…

2014 machte ich mich dann selbstständig. Der tägliche Arbeitsweg durch Berlin wurde ersetzt durch Reisen zu meinen Kunden in ganz Deutschland. Als Berater war ich BC (before corona) bis zu drei Tage pro Woche in verschiedenen Städten. Der ICE wurde mein zweites Büro – effizient und fokussiert, denn Ablenkungen gibt es dort nicht viele. Doch ein Schmerzpunkt war immer die letzte Meile. Zum einen kam ich oft erst spät abends an, so dass der ÖPNV nicht mehr oder nur unregelmäßig fuhr, insbesondere dann, wenn der Endpunkt keine Großstadt war. Zum zweiten gab es häufig einen krassen Medienbruch vom all-digital Erlebnis der Bahn zum analogen Ticket eines undurchsichtigen, lokalen Verkehrsverbundes. Also nahm ich häufig frustriert und gelegentlich auch schlechten Gewissens doch ein Taxi zum Bahnhof, Hotel oder Veranstaltungsort.

Debut der e-Scooter – Challenge accepted!

Als im Sommer 2019 die e-Scooter ihr Debut hatten, öffnete sich mir eine neue Dimension. Ein neues Mobilitätslevel wurde freigeschaltet: stationsungebunden, digital, jederzeit, wann und wo ich wollte. Genau so muss Mobilität sein! Zunächst ‚pilotierte‘ ich den Use Case in Budapest, wo ich mich im Mai 2019 für eine Veranstaltung aufhielt. Dort fielen mir die zahlreichen limonenfarbenen Roller erstmals sehr prominent auf. Challenge accepted! App runtergeladen, Kreditkarte hinterlegt und los ging es. Mitten durch die Innenstadt entlang der Donau bei tollstem Sonnenschein. Besser geht’s nicht. Gleich war mir klar: das löst mein Problem der letzten Meile. Und besser als Radfahren im Business-Outfit, weil man nicht schwitzt. Zum Glück war Deutschland mit der Regulatorik zu diesem Thema nicht so sehr im digitalen Dornröschenschlaf wie häufig, so dass ich ab Juni auch in Deutschland e-mobil unterwegs sein konnte.

Gleich schaltete sich mein Effizienz-Tick wieder ein. Es gab ja nicht nur einen Anbieter für e-Scooter und diese variierten auch noch in verschiedenen Städten. Also lud ich mir einfach 5 Apps der häufigsten Anbieter runter (Voi, Circ, Lime, Tier und Bird) und legte meine Konten an (baut bitte mal endlich jemand eine Super-App, dass man sich nicht überall neu anmelden und einloggen muss?!?). Done! Mit fünf Apps hatte ich auch fast immer ein Fahrzeug im 100 Meter Umkreis. Wie effizient 😉

Für die letzte Meile ein e-Scooter

Seither nutzte ich regelmäßig e-Scooter für die letzte Meile. Mein Lieblingsanbieter wurde Circ, da alle Scooter dort standardmäßig Handyhalterungen hatten. Unverzichtbar, wenn man, mit Rucksack und Laptoptasche auf den Schultern, in einer fremden Stadt GoogleMaps verwenden will auf einem Verkehrsmittel, das man schlecht einhändig fahren kann. Es ist seltsam, wie junge Startups diesen essentiellen Aspekt des Nutzererlebnisses vernachlässigen können und statt der Halterung lieber eine Geschwindigkeitsanzeige installieren. Bei einem Fahrzeug, das maximal 20km/h fahren darf.

e-Scooter erobert die Straßen

Im Laufe der Zeit machte ich viele interessante Erfahrungen mit den Scootern. Zum Beispiel, dass es keine Garantie dafür gibt, dass man einen in der App angezeigten Roller auch freischalten kann, nämlich dann, wenn besonders clevere Nutzer den Scooter im verschlossenen Hauseingang oder hinter einem Zaun abstellen, um sich somit das Fahrzeug für den nächsten Tag zu sichern. Außerdem entdeckte ich auch die gelegentliche private Nutzung der e-Scooter. Toll ist es zum Beispiel, mitten auf der Straße zu fahren, wenn diese an öffentlichen Feiertagen autofrei sind. Dies war der Fall in Budapest am Nationalfeiertag. Aber auch in Berlin kann man öfters auf der Straße des 17. Juni auf das Brandenburger Tor zufahren.

Multimodal zum Naturkundemuseum

Ein wunderschönes e-Scooter Erlebnis war die erste e-Scooter Fahrt mit meiner 3-jährigen Tochter. Einen Besuch im Berliner Naturkundemuseum wollten wir verbinden mit der Herausforderung, möglichst viele Verkehrsmittel zu benutzen. (Noch) nicht, weil sie multimodal denkt, sondern weil sie Züge, Busse und eigentlich alles, was sich bewegt, liebt. Also Fahrradhelm ins Auto, ab zum Bahnhof, Rolltreppe rauf (und runter, und rauf, und runter, und rauf – ja, das muss sein) und dann am Hauptbahnhof auf den Scooter. Und diesmal war ich ausnahmsweise mal froh, dass es auch Scooter ohne (Trinkflaschen)halter gab, denn diese sind äußerst unpraktisch beim Bremsen für ein Kind, dessen Nase genau auf dieser Höhe endet.

Jetzt warte ich auf die Mobiltätsdrohen (und immer noch die SuperApp), um mein nächstes Mobilitätslevel freizuschalten. Level up! Im wahrsten Sinne des Wortes…