New Work hält zwar schon länger Einzug in die Arbeitswelt, doch durch die Pandemie wurde dieser Trend noch befeuert: Halb Deutschland zog ins Homeoffice um, Unternehmen mussten von heute auf morgen lernen, ihre Geschäfte digital abzuwickeln und eine neue Meeting-Kultur zu definieren. Positiver Nebeneffekt war ein sinkender Berufsverkehr sowie eine Veränderung des Geschäftsreiseverhaltens. Aber bleibt das so – oder werden wir nach der Krise wieder in gewohnte Muster verfallen? Und können New Work und Digitalisierung Treiber nachhaltiger Mitarbeitermobilität sein? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der zweite „driversity Talk 5 vor 10“.   

Als Moderator führte dieses Mal Kai H. Helfritz von der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. (DGFP) durch das digitale Talk-Format. Als Gäste waren dabei: Sandra Walter und Dominic Walter Franz von NTT DATA Deutschland GmbH, Hilke Patzwall von der VAUDE Sport GmbH & Co. KG, Feyzanur Görmüs, Werkstudentin bei DES GmbH, einem Ingenieurbüro für nachhaltige Gebäudetechnik. Außerdem Sara B. Tsudome, die Leiterin der Initiative „Fahrradfreundlicher Arbeitgeber“, einem Projekt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).  

Den Mitarbeitern vertrauen 

 

VAUDE, Hersteller von Fahrradausrüstung und Outdoor-Bekleidung, beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema nachhaltige Mitarbeitermobilität. „Wir haben festgestellt, dass sie für fast die Hälfte aller umweltschädlichen Emissionen verantwortlich ist, die wir als Betrieb an unserem Firmensitz verursachen“, erläuterte Hilke Patzwall. Seit 2019 gilt daher bei VAUDE eine neue Mobilitätsrichtlinie. Ein Punkt: „Geschäftsreisen finden innerhalb Europas mit der Bahn statt. Ausnahme: Wenn der Kosten- oder der Zeitaufwand 30 Prozent höher sind als bei alternativen Verkehrsmitteln.“  

Wie das japanische Unternehmen NTT DATA in seiner Heimat mit dem digitalen Wandel umgeht, beschrieb Dominic Franz: „Bereits vor Covid eröffneten jede Menge Shared Offices um Tokio herum, kleine Büros, in denen sich die Mitarbeiter treffen können und nicht immer in die Stadt hineinmüssen“, erzählte er: „Generell aber bedeutet die Umstellung auf Remote-Arbeit für die meisten Japaner eine große Hürde. Der persönliche Kontakt bei Entscheidungen ist dort noch viel wichtiger als hier.“ Bei NTT Data in Japan werde es jedoch kein Zurück geben, das Unternehmen plane, Büroflächen zu verkleinern und unterstützt die Mitarbeiter bei der Planung neuer, nachhaltiger Officekonzepte.  

Seine Kollegin Sandra Walter führte ein weiteres Beispiel an: „Wir beraten ja auch unsere Kunden zu diesen Themen. Zum Beispiel bei der KFW Bank, die gesagt hat: ‚Wir brauchen gar keine Richtlinien mehr, sondern lassen unsere Mitarbeiter einfach frei reisen. Und vertrauen darauf, dass sie im Sinne der Firma das Richtige tun.“ 

„Früher dachte ich, ich brauche unbedingt ein Auto“  

Feyzanur Görmüs begann vor zweieinhalb Monaten, als Werkstudentin bei DES zu arbeiten und erkennt bereits jetzt einen Effekt auf ihr eigenes Leben: „Vorher hatte ich kaum Berührungspunkte mit dem Thema Nachhaltigkeit. Und eigentlich dachte ich immer: ‚Wenn ich erst einen Job habe, schaffe ich mir auch ein Auto an’. Inzwischen habe ich verstanden, dass das gar nicht nötig ist, weil es so viele Alternativen gibt.“  

 Die Initiative „Fahrradfreundlicher Arbeitgeber“ besteht bereits seit über 15 Jahren und in 15 Ländern, in Deutschland sind knapp 150 Unternehmen zertifiziert. „Allein schon aus eigenem Interesse sollten Arbeitgeber verstehen, dass es wichtig, sinnvoll und auch finanziell interessant ist, seine Beschäftigten aufs Rad zu bekommen“, erklärte Sara Tsudome und nannte als Stichwort Parkraummanagement 

Der Verkehr steht im Mittelpunkt, nicht die Sicherheit der Menschen  

 

Während des Talks kamen auch einige Punkte mit Verbesserungsbedarf zur Sprache. Zum Beispiel, wenn Unternehmen statt des Dienstwagens ein Mobilitätsbudget anbieten wollen. „Wir haben mit großem Aufwand versucht, diese Idee umzusetzen, sind aber letztlich gescheitert am deutschen Steuerrecht“, ärgerte sich Hilke Patzwall. Auch in der Verkehrsplanung müsse sich etwas ändern. Sara Tsudome verwies auf die Niederlande, wo die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer im Vordergrund stehe: „In Deutschland heißt es dagegen: Der Verkehr muss fließen. Und so wird dann geplant.“ Überhaupt gebe euns bei unseren Nachbarn schon länger Zählstationen, die nicht nur den Autoverkehr, sondern auch Fahrrad-Traffic erfassen. „Diese Daten gibt es in Deutschland nur an wenigen Stellen.“      

Dabei seien Daten wichtig. Sharingdienste oder Mikromobilität würden ohne datenbasierte Zugänge überhaupt nicht funktionieren. Die Mobilitätswende mit dem Fahrrad im Mittelpunkt brauche mehr und bessere Digitalisierung – sowohl für die Planung besserer Netze als auch für zukunftsfähige Services bei Routing und Sharing.  

„Eine flexible und nachhaltige Mobilität kann nur durch digitalisierte Konzepte ermöglicht werden“, unterstrich auch Dominic Franz und nannte als Beispiel die japanische Eisenbahn Japan Railways, die gerade versucht, eine landesweite „seamless journey“ zu generieren, in dem sie alle Daten zusammenbringt. 

 Die besten Parkplätze für Fahrgemeinschaften reserviert 

Wie wird New Work zukünftig die Mitarbeitermobilität beeinflussen? Auch auf die Kernfrage des Talks hatten die Gäste ganz unterschiedliche Antworten. „New Work erschafft es uns viele Möglichkeiten. Ich kann arbeiten, wann und wo ich will und komme überall hin“, erklärte Feyzanur Görmüs und erzählte, dass sie noch nie eine Kollegin oder einen Kollegen persönlich getroffen habe, sich aber dennoch als Teil des Teams fühle.   

Sandra Walter wies noch auf einen anderen Umstand hin: „Die junge Generation guckt sich das Unternehmen, für das sie arbeiten soll, genau an. Die wünschen sich Nachhaltigkeit und auch das Thema Work-Life-Balance spielt eine wichtige Rolle. Das ist ein riesiger Treiber für die High Potentials. Unternehmen, die sich dessen bewusst sind, machen in Zukunft den Unterschied.“ Sie betonte zudem den wichtigen Vorbildcharakter von Führungskräften. 

Hilke Patzwall stimmte zu und erzählte, dass bei VAUDE alle Mitglieder der Geschäftsführung mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen würden: „Zusammen mit guten Angeboten ist das der beste Treiber für die Mitarbeiter, ebenfalls umzusteigen. Und: Die Parkplätze vor der Haustür sind bei uns für Fahrgemeinschaften reserviert und nicht für die Geschäftsleitung.“ Sorge macht Hilke Patzwall allerdings, dass viele Menschen anscheinend aufgrund der Pandemie Angst vor Gedrängel in öffentlichen Verkehrsmitteln habe. „Das ist schade, denn gerade hat ein Umdenkprozess begonnen, doch mal den Bus statt des Autos zu nutzen.“

„Wir werden reisen – aber anders und bewusster“ 

Moderator Kai Helfritz begrüßte den regen Austausch im Chat, auch hier wurden viele Fragen an die Talkgäste gestellt. „Die Zeit vergeht heute wie im Flug“, wunderte er sich, kurz bevor seine letzte Frage stellte: Was bleibt nach Corona? „Wir werden wieder reisen wie früher, weil wir gerne entdecken wollen“, so das Statement von Feyzanur GörmüsDominic Franz sieht es anders: „Reisen werden weniger werden.“ Sara Tsudome hofft, dass wir den Austausch auf digitalen Plattformen beibehalten werden: „Es macht Treffen einfacher.“ Hilke Patzwall freut sich über den Trend zur Naherholung in Deutschland und glaubt, dass Messen und Tagungen auch zukünftig digital oder hybrid stattfinden werden. Und Sandra Walters Fazit lautete: „Wir werden reisen – aber anders und bewusster.“