Keine Frage, wer wie in Berlin durchschnittlich 108 Stunden im Jahr im Stau steht, lässt sich schnell für Alternativen zum Auto begeistern – zumal es in den meisten Metropolen inzwischen viele nachhaltige Angebote gibt. Doch wie sieht es in kleineren Städten aus? Wie kann man die Einwohner von den Vorzügen der Mikromobilität überzeugen? Wo liegen die Hürden? Um dieses Thema ging es am 20. April beim ersten „driversity Talk um 5 vor 10“. Mirko Schulte von der GLS Bank gab ein tolles Debüt als Moderator und begrüßte als seine Gäste:

Janine Steeger
Moderatorin
& Buchautorin „Going Green”

Stefan Eisenmann
Vorstand
der Stadtwerke Pfaffenhofen

Frank Noe
Fahrrad Enthusiast – JobRad GmbH

Sebastian Hofer
Blogger& Mobilitätsexperte

Mikromobilität umfasst nicht nur ressourcenschonende Fahrzeuge wie eScooter, Pedelecs oder Lastenfahrräder: Für Sebastian Hofer steht der Begriff vor allem für eine neue Art der persönlichen Freiheit. Doch kann ein Rad wirklich überall ein Auto ersetzen? „In Großstädten ist das heute kein Problem mehr“, so Frank Noe. „Ein Auto auf dem Land aber steht immer noch für eine gewisse Sicherheit. Wobei auch da immer mehr ein Umdenken stattfindet, was man an der steigenden Zahl von Fahrradparkplätzen erkennt.“ Janine Steeger, die bereits 2014 auf nachhaltige Verkehrsmittel umstieg, versteht, warum diese Entscheidung vielen so schwerfällt: „Wir sind so sozialisiert worden, dass jede Familie ein oder zwei Autos braucht. Ein Fahrzeug zu teilen, den Bus nutzen oder zu Fuß zu gehen, das war auch für mich früher undenkbar. Mein Auto abzugeben, war ein riesiger Schritt.“

„Geld spielt keine Rolle,man muss andere Anreize schaffen“

Dieses Thema beschäftigt auch Pfaffenhofen. Die oberbayrische Kleinstadt mit 26.500 Einwohnern liegt zwischen München und Ingolstadt. Sehr idyllisch und bei Pendlern beliebt, kommen hier im gesamten Landkreis 1000 zugelassene Fahrzeuge auf 1000 Einwohner – eine Fahrzeugdichte, die in Deutschland ihresgleichen sucht. Für die Stadt ein Grund, die Reißleine zu ziehen. So riefen die Stadtwerke Pfaffenhofen die Initiative „mitanand mobil“ ins Leben. Sie setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen, wie Car- und Bikesharing, Übernahme des Stadtbusses, einer Mobilitätswerkstatt, in der Bürger ihre eigenen Ideen umsetzen. „Das Wichtigste ist, dass man sich früh Gedanken macht, was genau man erreichen will“, betonte Stefan Eisenmann. „Wer diesen Schritt auslässt, gibt wahllos Geld aus.“

Auf die Frage, wie man die Bürger ins Boot hole, erklärte der Stadtwerke-Vorstand, dass die Initiative beispielsweise einen Container auf dem Hauptplatz von Pfaffenhofen errichtet habe. „Der hat jede Menge Neugierige angelockt, die vorbeikamen, um über Mobilität zu sprechen oder mal ein Lastenfahrrad auszuprobieren,“ resümiert Eisenmann. Eine weitere Erkenntnis seines Mitmach-Projekts: „Geld spielt für viele keine Rolle. Wer sich zwei Autos leisten kann, schaut nicht auf jeden Pfennig. Da muss man andere Anreize schaffen: Fitness, Gesundheit, Spaß.“ Stichwort Spaß: Als Frank Noe vor sieben Jahren bei JobRad anfing, sei es noch schwieriger gewesen, die Leute zum Umstieg aufs Rad zu überzeugen, erinnert er sich: „Doch die wachsende E-Mobilität und der dazugehörige Fun-Faktor machen es heute leichter. Auch Unternehmen wissen inzwischen, dass sie ihren Arbeitnehmern in puncto nachhaltiger Mobilität etwas bieten müssen – und da passiert ja auch gerade einiges.“

Wie überzeugt man Autofahrer von nachhaltigen Alternativen?

Die Jüngeren seien leichter zu begeistern, so Sebastian Hofer, die ältere Generation stecke oft noch in einer Kultur fest, in der ein Auto als Statussymbol gilt. „Wie erreicht man diese Menschen? Errichtet man autofreie Zonen und bepreist den Straßenraum? Oder lenkt man sie ohne Verbote in Richtung einer nachhaltigen Denkweise?“ Seiner Meinung nach müsse man anfangen genau zuzuhören: „Um wirklich zu verstehen, was Mobilität für den Einzelnen bedeutet.“ Auf der anderen Seite werde es Zeit für mehr Radikalität: „Ich glaube, die Ära der Kompromisse ist vorbei. Man muss jetzt einfach mal extrem werden, in die eine oder andere Richtung.“

Janine Steeger schlug einen anderen Weg vor: „Die Leute sollten über ihre eigenen Erfahrungen inspiriert werden, ihr Verhalten zu ändern. Wenn sie merken, wie viel besser sich das Leben plötzlich anfühlt, ist das die beste Motivation.“ Die Kölnerin plädierte dafür, „Erlebnisorte“ zu schaffen, zum Beispiel würden sich Tourismusregionen gut als Real-Labore eignen, an denen neue Dinge ausprobiert werden könnten. Frank Noe stimmte zu: „Die Vorteile spürt man ja in recht kurzer Zeit. Ich persönlich lasse mich übrigens gerne herausfordern. Vielleicht könnte man ja auch auf kommunaler Ebene zu Challenges zwischen den Gemeinden aufrufen: Wer installiert als erstes eine Fahrrad-Werkstatt? Und immer wieder über die Erfolgserlebnisse berichten. So gewinnt man Nachahmer.“ Stefan Eisenmann unterstrich, wie wichtig es sei, ein möglichst konkretes Bild von der Zukunft zu malen. „Wenn wir über Parks statt über Parkplätze sprechen und uns das auch bildlich vorstellen, ändert sich unsere Einstellung. Wir betrachten unsere Umgebung plötzlich mit ganz anderen Augen.“

Im Juni geht es in die nächste Runde

Mit den Worten „Lasst uns weiter in Bewegung bleiben,“ bedankte sich Mirko Schulte bei den Gästen der ersten Talkrunde. Wie gut dieses neue Format ankam, erkannte man am gleichzeitig laufenden Chat, an dem sich viele der 66 Teilnehmer rege mit Kommentaren und Fragen beteiligten. Der „driversity Talk um 5 vor 10“ soll von nun an regelmäßig stattfinden, gleich im Juni geht es in die zweite Runde.