Update #3 zum Themenmonat Quartiers- und Mobilitätsentwicklung.

Ein Bericht von Christoph Pusch und Paulina Saurer (Neue Effizienz gemeinnützige GmbH) zur Mobilitätswende im Quartier.

In urbanen Quartieren wird die bisherige Verteilung des öffentlichen Raums immer mehr infrage gestellt. Die dominierende Inanspruchnahme des motorisierten Individualverkehrs im öffentlichen Raum beeinträchtigt vor allem die Lebensqualität von Anwohner*innen in hochverdichteten Stadtvierteln. Statt eines identitätsstiftenden Begegnungsortes wird die Straße vor der eigenen Haustür nur als anonymer Verkehrsweg mit kostenlosen Parkmöglichkeiten wahrgenommen.

 

Im Bergischen Städtedreieck, dem primären Aktionsraum der Neuen Effizienz, trifft diese Problematik vor allem auf das Wuppertaler Quartier „Ölberg“ zu. Das Quartier galt in den 1980er Jahren in Teilen noch als sozialer Brennpunkt. Charakteristisch ist die weitgehend erhaltene Bausubstanz und Quartiersstruktur aus der Gründerzeit. Das ehemalige Arbeiterviertel bildet zusammen mit angrenzenden Quartieren eines der größten zusammenhängenden Denkmalgebiete Deutschlands. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der sozial durchmischte Stadtteil durch zivilgesellschaftliches Engagement zu einem Anziehungspunkt für Kreative, Studierende und junge Familien entwickelt.

Trotz der kleinräumigen Quartiersstruktur, die nicht für das Auto ausgelegt ist, belegt der motorisierte Individualverkehr einen hohen Anteil des knappen öffentlichen Raums. Dabei steht dem vorhandenen Parkplatzangebot eine deutlich höhere Park-Nachfrage im Viertel gegenüber. So parken Nacht für Nacht ca. 500 Autos auf dafür nicht vorgesehenen Flächen wie Gehwegen, Einmündungen und in zweiter Reihe. Auch tagsüber werden Fußgänger*innen durch das Abstellen von Fahrzeugen auf den ohnehin schmalen Gehwegen beeinträchtigt. Vor dem Hintergrund der steigungsreichen Topografie werden hierdurch insbesondere mobilitätseingeschränkte Personen zusätzlich benachteiligt. Auf dem Ölberg sind diese Missstände zur Normalität geworden.

Um das Quartier vom motorisierten Individualverkehr zu entlasten, sind verschiedene Lösungsansätze denkbar. Dabei ist das Zusammenspiel zwischen Push- und Pull-Faktoren wichtig. So können beispielsweise Stellplätze zugunsten des Rad- und Fußverkehrs zurückgebaut werden, während zugleich das illegale Abstellen von PKWs durch vermehrte Kontrollen und höhere Bußgelder unattraktiver wird. Die aktuelle Novelle der Straßenverkehrsordnung gibt den Kommunen hierzu mehr Handlungsspielraum, um regelwidriges Verhalten stärker als bisher zu sanktionieren.

Jedoch führt gerade der Rückbau von Stellplätzen bei vielen Anwohner*innen zum Eindruck, dass ihnen etwas „alternativlos“ weggenommen wird. Schlimmstenfalls wird jegliche Veränderung kategorisch abgelehnt.

Aus einer solchen Diskussion ist 2017 die bürgerschaftliche Initiative „Mobiler Ölberg“ entstanden, die sich für eine nachhaltige Mobilitätswende im Quartier einsetzt. Die Initiative folgt dem Ansatz, attraktive Angebote zu schaffen, die einen Umstieg auf nachhaltige Mobilitätsformen fördern. Die vielfach wahrgenommene Notwendigkeit eines eigenen Autos soll hierdurch relativiert werden. Statt Quartiersbewohner*innen vor vollendete Tatsachen zu stellen, werden sie durch Beteiligungsformate aktiv eingebunden, um von Anfang an eine höhere Akzeptanz sicherzustellen.

 „Wuppertal wird eine Stadt, in der Achtjährige und Achtzigjährige gerne und sicher unterwegs sind, sich aufhalten und sich begegnen. Menschen sind unser Maßstab.“

  – Vision der Initiative Mobiler Ölberg

Mit der Vision, den öffentlichen Raum im Quartier gerecht aufzuteilen und eine lebenswerte Stadt für Jung und Alt zu schaffen, hat der Mobile Ölberg bereits einige Projekte realisiert. So wurde von der Initiative im Jahr 2019 die erste Mobilstation in Wuppertal errichtet. Die Mobilstation am Schusterplatz setzt sich aus einer Fahrradgarage für 12 Räder, weiteren Fahrradbügeln, einer Carsharing-Station und zwei Taxi-Stellplätzen zusammen. Außerdem befindet sich die Station in fußläufiger Nähe zu einer Bushaltestelle.

Nach diesem Vorbild entsteht aktuell eine zweite Mobilstation auf dem Ölberg. Vorhaben dieser Art werden vorrangig durch die Vermietung von Stellplätzen auf einem Quartiersparkplatz finanziert. Alle Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung werden zum Ausbau von nachhaltigen Mobilitätsangeboten genutzt.

In Zukunft sollen noch weitere Projekte entstehen, die die Mobilitätswende in den Wuppertaler Quartieren und darüber hinaus vorantreiben. Dazu arbeitet der Verein Unternehmer/innen für die Nordstadt e.V., aus dem die Initiative Mobiler Ölberg hervorging, eng mit der Neuen Effizienz zusammen.

Das im November 2021 gestartete Projekt Mobilstationen im Quartier, das aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und vom Ministerium für Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wird, steht beispielhaft für den neuen Zusammenschluss von Bürgerschaft, Wissenschaft und Möglichmacher*innen. Zusammen mit unseren Kolleg*innen des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie sowie der Bergischen Universität Wuppertal, wollen wir gemeinsam mit den Bürger*innen weitere Mobilstationen und Grundlagen für sogenannte Quartiers-Hubs in der Elberfelder Nordstadt in Wuppertal schaffen. Neben klassischen Mobilitätsangeboten können Quartiers-Hubs zusätzliche Dienstleistungen und Funktionen bündeln, die nach dem Prinzip der „Stadt der kurzen Wege“ verkehrsreduzierend wirken. Hierzu ist die Integration einer Paketstation bzw. eines City-Logistik-Hubs ebenso denkbar wie kompakte Nahversorgungsmöglichkeiten, Gastronomie oder Werkstatt-Services für Rad-Reparaturen. Somit entsteht gleichzeitig ein lebendiger Begegnungsort für alle. Mehr Informationen zum Projekt findet ihr auf mobilstationen-im-quartier.de

Eine weitere Projektidee befasst sich mit Quartiersgaragen. Vor dem Hintergrund der anzustrebenden Neuverteilung des öffentlichen Raums stellt die Etablierung von Quartiersgaragen einen weiteren Baustein dar, um die Akzeptanz für entfallende Stellplätze im Straßenraum zu fördern. Analog zu Quartiers-Hubs können auch hier weitere Funktionen eingebunden werden, die sowohl Nutzungsattraktivität als auch Wirtschaftlichkeit positiv beeinflussen.

Wie es mit Mobilstationen, Quartiers-Hubs, Quartiersgaragen und anderen Ideen für die Mobilitätswende im Bergischen weitergeht berichten wir euch im nächsten Jahr. Bleibt gespannt!