driversity und das Quartier

Die Mobilität gemeinsam neu und nachhaltig denken – dafür steht driversity. Aber was hat das eigentlich mit dem Quartier zu tun? Warum denken wir über das Quartier nach, wenn wir von Mobilität und Mobilitätswende reden und wie hängen Quartiers- und Mobilitätsentwicklung zusammen? Unsere Gastautoren Paulina Saurer, Ricarda Gallas, Christoph Pusch und Maxim Jonelat von der Neuen Effizienz geben uns einen ersten Überblick.

Paulina Saurer

Ricarda Gallas

Christoph Pusch

Maxim Jonelat

Der Blick aufs Arbeitsquartier liegt nahe, geschenkt. Schließlich sind wir als Netzwerk für Mitarbeitendenmobilität gestartet. Doch greift es uns zu kurz, nur die Mitarbeitendenmobilität isoliert zu betrachten, um eine echte Mobilitätswende zu treiben – denn viele von uns sind ja nicht nur Mitarbeiter:innen, sondern ebenso Bewohner:innen des einen oder anderen Viertels, sei es in Groß-, Klein- oder Vorstädten. Fast alle von uns sind beides, und zwar ohne den genauen Punkt benennen zu können, an dem wir von unserer Eigenschaft als Mitarbeiter:in übergehen zu der der Bewohner:in unseres Viertels oder Ortes, an dem wir leben.

Arbeits- und Lebensräume verschmelzen

Leben heißt dabei auch, dass wir in unserem Quartier bzw. auf dem Weg dorthin allerhand Dinge erledigen, die erst einmal nichts mit unserer Arbeit zu tun haben. Wir gehen Einkaufen, fahren zur Tennis- oder Kletterhalle, lassen Kleider und Anzüge bügeln, bringen (trotz aller Anstrengungen, dies zu vermeiden) eine Retoure zum Paketshop, treffen uns zu Kaffee oder Kaltgetränk mit Freund:innen oder Kolleg:innen auf Wiesen, Plätzen oder Cafés, empfangen Besuch, engagieren uns ehrenamtlich, bringen Kinder in die Kita, gehen einfach nur spazieren, oder, oder, oder. Die Liste ist unerschöpflich und sieht bei uns allen etwas unterschiedlich aus. Gemein bleibt: Eine klare Trennung zwischen Arbeits- und Freizeitwegen ist schon lange nicht mehr so einfach auszumachen. Gemein bleibt auch: Mobilität ist immer ein Ausdruck von Bedürfnissen. Oder besser gesagt der Befriedigung dieser.

Hinzu kommt außerdem die Frage: Was ist eigentlich ein Arbeitsquartier? Auch das ist heute nicht nur das klassische Gewerbegebiet, ein Produktionsstandort oder ein Central Business District, sondern immer öfter auch ebendieses Wohnquartier. Unter anderem, weil diese Konstellation uns mehr Flexibilität, Aktivität und damit Lebensqualität einzuräumen vermag. Die Implikationen „Neuer Arbeitswelten“ haben wir in einem vergangenen Themenmonat ausführlich behandelt (falls ihr nachlesen wollt, hier entlang). Flexible Arbeitskontexte (unterstützt nicht zuletzt durch die schon langanhaltende Pandemie) tragen mit dazu bei, dass wir kaum noch unterscheiden können, wo und wann wir beruflich oder privat unterwegs sind.

Vom Quartier zu Lebensqualität

Gemein bleibt auch die Überzeugung, dass wir neue Wege finden müssen. Neue Wege, wie wir all das umsetzbar und angenehm gestalten können, ohne im heutigen Ausmaß auf motorisierten Individualverkehr zurückgreifen zu müssen. Und, vielleicht noch wichtiger, ohne dabei wie selbstverständlich eine viel zu hohe Anzahl an unterschiedlichen Wegen überhaupt zurücklegen zu müssen. Eines dieser beiden Ziele wird dabei verhältnismäßig kontrovers und emotional diskutiert: Ein Weniger an MIV ist dabei keinesfalls Selbstzweck. Es geht nicht darum, Menschen in ihrer individuellen Mobilität einzuschränken, ihnen etwas zu verbieten oder einen Feldzug gegen einen großen Wirtschaftszweig zu führen. Es geht schlicht darum, die Klimakatastrophe abzuwenden. Oder zumindest einen Beitrag dazu zu leisten. Da dies offensichtlich als Motiv zur Verhaltensänderung in der Breite der Gesellschaft und als Motiv zu Geradlinigkeit und Mut politischer Entscheidungsträger:innen für den Bereich Mobilität oft nicht ausreicht, bemühen wir im Diskurs immer öfter einen weiteren positiven Nebeneffekt von MIV-minimierenden Maßnahmen: Das Mehr an Lebensqualität, das darin zu schlummern scheint.

Denn gegen lebenswertere Städte und Quartiere positioniert sich niemand ernsthaft, dieses Ziel wird allgemein als mehrheitsfähig gesehen. Verbinden wir es mit unserem Vorhaben einer ernsthaften Mobilitätswende, ergibt sich jedoch auch hier wieder Diskussionspotential: Sind lebenswerte Quartiere mit vielfältigen Angeboten und damit kurzen Wegen eine wichtige Voraussetzung, um Mobilitätsauswirkungen auf die Klimakrise zu verringern und Mobilität einfacher und angenehmer zu gestalten? Oder muss zuerst der MIV im Quartier (sei es Arbeiten, Wohnen oder Misch) zurückgedrängt werden, um so Lebensqualität vor Ort durch eine andere, vielfältigere Nutzung der Räume im Quartier zu verbessern? Anders gefragt: Führt ein lebenswertes Quartier zur Mobilitätswende oder führt die Mobilitätswende ins lebenswerte Quartier?

Von Lebensqualität zurück zum Quartier

Der Versuch, sich einer Antwort zu nähern hat insbesondere im Kontext Quartiersmobilität mit dem vielzitierten öffentlichen Raum zu tun. Die Verteilung des öffentlichen Raums in urbanen Quartieren, welche bis heute in vielen unserer Städte vom Leitbild der autogerechten Stadt geprägt ist, wird zwar mehr und mehr kritisiert. Nichtsdestotrotz bleibt es kompliziert, diesem Leitbild in der Praxis zu entfolgen. Gebaut ist nun einmal gebaut. Hochverdichtete, innerstädtische Wohn- und Mischgebiete sind mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert, wenn es darum geht, die oben genannten Aktivitäten des täglichen Lebens für die Bewohner:innen und Besucher:innen (oder eben Mitarbeiter:innen) klima- und sozialverträglich zu organisieren. Neben den negativen Folgen hinsichtlich der Verkehrssicherheit und der Belastung durch Lärm, Abgase und Feinstaub führt die dominierende Nutzung des knappen öffentlichen Raums für den motorisierten Individualverkehr zu einer erheblich eingeschränkten Aufenthalts- und Lebensqualität. Wir müssen also im Quartier ansetzen, um zu einer modernen Mobilität, wie driversity sie versteht, einzuladen. Stadtplaner Jan Gehl beschreibt genau diese Erkenntnis so:

“If you invite more cars, you get more cars. If you make more streets better for cars you get more traffic. If you make more bicycle infrastructure you get more bicycles. If you invite people to walk more and use public spaces more, you get more life in the city. You get what you invite.“

Vom Quartier zurück zur Mobilität

Wir als driversity müssen also auf das Quartier schauen, um dieses Einladen mitgestalten zu können. Beispiele, wo dies erfolgreich und vor allem sichtbar passiert, gibt es zuhauf. Uns fallen uns direkt große, leuchtende Beispiele ein, wenn wir über weniger Abhängigkeit vom eigenen Auto und mehr Lebensqualität in der Stadt reden: Das Paris der Tempo-30-Zonen und Spurumwidmungen, die niederländischen Groß- und Kleinstädte der Fahrräder, das Barcelona der Superblocks, das Wien der MIV-gesperrten Einkaufsstraße. Oft wird dann argumentiert, dass diese bekannten, großen Beispiele ganz andere Möglichkeiten hätten, Veränderungen durchzusetzen und eben nicht repräsentativ seien. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass wir alle einen Teil dazu beitragen können: Indem wir Veränderung auch abseits der allseits bekannten und schillernden Beispiele mitgestalten.

Dass wir uns mindestens genauso auf Veränderung in unseren Quartieren widmen können und sollten, wollen wir in Teil 2 unseres Leitartikels zur Quartiersmobilität zeigen. In der Fortsetzung schlagen wir die Brücke von den großen Vorreiterinnen zu Potentialen kleinerer, unaufgeregterer Projekte. Wir schauen u.a. nach Barcelona, Paris, Hamburg, um dann einen Blick in unbekanntere Quartiere und Ansätze zu werfen, die nicht weniger interessant sind – versprochen. Diese Vielfalt an Fragen, gepaart mit der Vielfalt an Beispielen wollen wir mit dem „driversity Themenmonat Quartiersmobilität“ in den Fokus nehmen.