Prof. Dr. Ralf Vogler

Studiendekan Tourismusmanagement

Professur für Verkehrsträgermanagement,

Tourismuspolitik und Recht

Die Corona-Pandemie hat das Freizeit- und Reiseverhalten weltweit so stark beeinflusst wie wahrscheinlich keine andere Krise der letzten Jahrzehnte zuvor. Als Wirtschaftszweige sind Tourismus und Gastronomie große Krisenverlierer. In der Wahrnehmung der Menschen gehören beide Bereiche jedoch zu den Elementen des Lebens, die während der Pandemie schmerzlich vermisst wurden.  

Die Freizeitgestaltung musste sich wandeln: Weg von fernen Ländern und exotischen Erfahrungen hin zur Neuentdeckung des Bekannten und Nahen. Auch die Art der Aktivitäten veränderte sich und erzeugte einen nie dagewesenen Wunsch nach Natur und Betätigung an der frischen Luft. Im Prinzip ist die Pandemie ein idealer Nährboden für die nachhaltige Umgestaltung von Freizeit- und Reisemobilität. 

Freizeitmobilität nah und nachhaltig?  

Sinnbildlich für die Mobilität in der Pandemie stehen das Auto und das Fahrrad. Für die Freizeitgestaltung zumindest in suburbanen und ländlichen Räumen existieren beide in einer nahezu einträchtigen Symbiose. Die Gründe fürs Fahrrad sind vielfältig und nicht alleine auf die Pandemie zurückzuführen: Der Drang nach Bewegung und frischer Luft im Home-Office, der Wunsch gesünder zu leben und nicht zuletzt die Pandemiebedingte Sorge vor einem Ansteckungsrisiko in öffentlichen Verkehrsmitteln hat die Menschen sprichwörtlich in den Sattel gehoben. Aus Nachhaltigkeitserwägungen eigentlich begrüßenswert, wären die gleichen Gründe nicht in gleicher Weise für die Renaissance des Autos als Transportmittel zumindest mit ausschlaggebend. Raus in die Natur und rauf aufs Rad stellt viele vor die Frage: Wie komme ich in die Natur? Deutschland hat im Umfeld der urbanen Ballungsräume viele Naturerholungsräume zu bieten. Allerdings sind diese – Pandemie hin oder her – ohne Auto nur schwer zu erreichen. Daher gilt in vielen Gegenden “bevor es rauf aufs Rad geht, muss selbiges erst mal rein ins Auto. 

Overtourism at home 

Auch Urlaubsreisen erfolgten pandemiebedingt oft mit dem Auto. Die Touristenzahlen an Deutschlands Küsten und Gebirgslandschaften sind im Zuge der Pandemie, zumindest in den Zeiträumen in denen Tourismus möglich war, massiv angestiegen. Die deutschen Urlaubsgebiete und zu einem großen Teil auch die Naherholungsgebiete konnten und können gerade ein Phänomen erleben, das sonst eher aus Reportagen über Venedig und Dubrovnik bekannt war: “Overtourism” bzw. bezogen auf Naherholung wissenschaftlich korrekter “Overcrowding”. 

 Nordsee statt Mittelmeer und bayerisches Voralpenland statt Rocky Mountains war und ist zurzeit noch das Gebot der Stunde. Eigentlich prädestiniert für das Transportmittel „Zug“, wäre da nicht die Fragen nach Infektionsrisiko und vor allem: Wie kommt das Fahrrad mit? Der einzige Zug, der für die Urlaubsreise intensiv touristisch genutzt wurde, sind die Autozüge zwischen Niebüll und Westerland.  

 Die Rache der Reisenden oder wie geht es weiter 

Beim Blick in die Zukunft des privaten Reisens nach der Corona-Pandemie, wird vermehrt die Gefahr des „Revenge Travels“ beschworen. Touristen wollen demnach Rache nehmen, am Virus und an dem was ihnen vermeintlich an Lebensqualität durch Nicht-Reisen entgangen ist. Ob hier das Bild einer Rache wirklich angemessen ist, kann offen bleiben. Sicher ist, die Pandemie hat vielen die Reisepläne zerstört und sie in eine (kontakt-)beschränkte Umgebung des Homeoffice gezwungen. Sobald diese Beschränkungen wegfallen – und erste Anzeichen zeigen sich bereits deutlich durch Impffortschritte etc. – wird es zu einer noch höheren Reiseaktivität kommen, da Home-Office nicht nur den Reisewillen erhöht hat, sondern auch einige – vor allem in von der Pandemie verschonten Branchen – durch Home-Office und Lockdown Geld ansparen konnten, das sonst für berufliche Mobilitätsausgaben oder andere Freizeitausgaben verwendet worden wäre. Reisewille und teilweise vermehrte Ressourcen ermöglichen somit eine vermehrte oder auch verstärkte Reiseaktivität. Auch werden zumindest kurz- und mittelfristig Reisepläne impulsiver und kurzfristiger getroffen. Das Phänomen touristischer Bucket-Listen ist somit nicht mehr an Altersgrenzen, sondern an die Angst vor dem nächsten Lockdown geknüpft, immer getrieben von der Sorge spätere Pläne wegen möglicher Lockdowns nicht mehr wie geplant umsetzen zu können.  

    

Wie war das noch mal mit der Nachhaltigkeit 

Der Ausblick auf die Entwicklung von Freizeit- und Reisemobilität scheint düster zu sein, wird es aber nicht bleiben. Zum einen gehören Rebound-Effekte zu jeder Entwicklung dazu und zum anderen erwachsen aus den skizzierten Drucksituationen auch eine ganze Reihe von Chancen für bewusstere Reise- und Freizeitentscheidungen, z.B.:  

 

  • Wer “Overtourism at home” erlebt hat, bringt mehr Verständnis für “Overtourism im Urlaub” auf! 
  • Wer zum Radeln in der Freizeit auf das Auto angewiesen ist, und damit keinen Parkplatz findet, ist offener für Alternativen!
  • Wer dem Home-Office Rache in der intakten Natur schwört, wird eher darauf achten, dass eben diese intakt bleibt! 

 

New Work und Mitarbeitermobilität sind daher nur zum Teil eine Frage der Arbeitswelt. Die „Neue Arbeit“ muss mehr sein als „Nur Arbeit“ und „Mitarbeitermobilität“ muss mehr sein als Mobilität im Kontext von Mitarbeit.  

Oder um es in Anlehnung an Oswald Neuberger zu formulieren:  

„New Work“ und „New Mobility“ sind Mittelpunkt.  

„New Work“ und „New Mobility“ sind Mittel, Punkt. 

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Damit leiten wir bei driversity auch in das neues Fokusthema “private Mobilität” über: Während wir uns im Mai und Juni 2021 intensiv mit den Auswirkungen von Digitalisierung & New Work auf unsere Arbeits- und Lebenssituation beschäftigt haben – geben wir nun allen Raum zu berichten, wie der eigene Sommerurlaub geplant wird, welche Änderungen im Mindset sich etabliert haben bezüglich Mobilität und – ganz wichtig – was euch antreibt, motiviert und bewegt. Macht gerne mit bei driversity, zeigt eure Perspektive auf die Themen – sei es  hier auf dem Blog, während unserer #InstagramdriversityChallenge oder durch Kommentieren Twitter und LinkedIn. 

 

Happy holidays everyone !