Einige arbeiten bereits mit Nudges, teilweise ohne es zu wissen. Für andere war das Thema „anstupsen, ohne zu schubsen“ völlig neu. Bei der Planung ins Detail zu gehen, war dann für alle eine Herausforderung bei der „driversity Dialogwerkstatt“ am 6. März in Köln. Aber das Hauptziel wurde erreicht: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekamen in Sachen Green Mobility einen schönen Ausblick über den Tellerrand des eigenen Unternehmens hinaus.

Die Bahn kann auch pünktlich, das war eine Erkenntnis des Tages. Um 16.25 Uhr war Schluss, und damit sogar fünf Minuten früher als geplant. Gelacht wurde aber nicht nur über diesen abschließenden Scherz von Frederic Sattler, Partner und Community-Manager der von der Bahn ins Leben gerufenen Netzwerkinitiative „driversity“, sondern immer wieder während eines überaus informativen, unterhaltsamen und kurzweiligen Workshops zum Thema

 

„Green Nudging – die Mitarbeitendenmobilität positiv beeinflussen“.  

Es war Nahverkehrs-Streiktag in Köln, und so hatten die gut 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, alle in ihren Unternehmen mit den Themen Mobilität und Nachhaltigkeit befasst, schon die erste Hürde erfolgreich genommen, als sie es bis in die Wohngemeinschaft in der Kölner Innenstadt geschafft hatten. Im Seminarraum „The Grand Kitchen“ fühlten sich alle sofort wohl, es gab Kaffee, Tee, kalte Getränke und kleine Snacks. Das Gehirn arbeitet ja bekanntlich besser, wenn der Magen zufrieden ist.  

Für geistigen Input und so manchen Aha-Moment sorgte die promovierte Sozialpsychologin Nicole Behringer, Professorin an der International School of Management in Stuttgart. Schon die Theorie überraschte einige der Anwesenden.

Sven etwa, Teamleiter Mobilitätsmanagement bei Schwarz Mobility Solutions, hatte nicht gewusst, dass er selbst schon Nudges angewendet hat. Zum Beispiel mit einem Fahrrad-Check für die Mitarbeitenden seines Unternehmens. Er nannte das damals „Event“, aber letztlich war der Fahrrad-Reparaturservice ganz klar ein „Green Nudge“, das viele angestupst hat, das Auto stehen zu lassen und stattdessen das Fahrrad zu nutzen. 

Erfunden, oder zumindest bekannt gemacht haben das Nudging Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und Rechtswissenschaftler Cass Sunstein aus den USA mit ihrem Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ von 2008. Es geht darum, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne dabei Gebote oder Verbote auszusprechen oder eine Belohnung auszuloben. Thaler beriet auch schon den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und wurde 2017 mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet.  

Behringer wies aber auch darauf hin, dass Nudging nicht immer positiv gesehen wird. Die Grenze zur Manipulation ist fließend. Regierungen und Unternehmen, die ihre Bürger und Mitarbeitenden „nudgen“, sollten das auf sehr transparente Weise tun, um sich nicht angreifbar zu machen. Ethische Gesichtspunkte spielten eine große Rolle. „Es darf zum Beispiel nicht darum gehen, mehr Arbeitskraft aus dem Mitarbeitenden herauszuquetschen“, betonte Behringer.   

Die Sozialpsychologin nannte verschiedene Beispiele für „Green Nudges“, eines der eindrücklichsten sind die Eisbären auf einem Duschkopf der Schweizer Firma Amphiro. Wer sich unter den warmen Wasserstrahl begibt, sieht zunächst fünf Eisbären auf einem Display auf dem Duschkopf. Je länger man duscht, desto weniger Eisbären werden es. Und siehe da, die Entwickler konnten mit einer Studie in einer Jugendherberge zeigen, „dass Echtzeitfeedback zu signifikanten Einsparungen beim Wasser- und Energieverbrauch beim Duschen führt – selbst dann, wenn für die Verbraucher wie in der Jugendherberge keinerlei monetären Anreize für eine Verhaltensänderung bestehen“. So schreibt es das Unternehmen in einer Zusammenfassung seiner Studie. 

Swanhild, Nachhaltigkeitsmanagerin bei Hays, sagt: „Die Mobilität ist bei uns als Dienstleister neben dem Einkauf die größte Emissionsquelle.“ Sie sei zum driversity-Workshop nach Köln gekommen, „weil ich mich mit Leuten austauschen möchte, die auch in ihren Unternehmen klimafreundliche und bedarfsgerechte Mobilitätsangebote umsetzen wollen oder es schon getan haben.“ Denn es sei so: „Es hilft, sich auszutauschen und gemeinsam mit den Ideen und Erfahrungen anderer zu lernen, da die Möglichkeiten dann greifbarer werden.“ Sven von Schwarz Mobility beschreibt seine Motivation so: „Wir machen zwar schob viel, aber ich möchte mich nicht vor Entwicklungen verschließen. Und mit dem Thema Nudges habe ich mich vorher noch nicht bewusst beschäftigt.“ 

Und darum geht es ja auch den Travel- und Nachhaltigkeitsmanagern in Unternehmen. Sie wollen den Mitarbeitenden kleine Schubser geben zu grünem Verhalten.

Wie Marita, Leiterin Nachhaltigkeit bei der Provinzial, die an den Fahrstühlen im Unternehmen mal Pfeile in Richtung des nächsten Treppenhauses angebracht hat. Und dort an den Stufen kleine Infos zum gesundheitlichen Benefit beim Treppensteigen.

Oder wie Hannes, Leiter Travel Management bei R + V Allgemeine Versicherung, der einfach mal ein paar E-Bikes in den Fuhrparkt gestellt hat. Die Mitarbeitenden wollten eigentlich keine haben – genutzt wurden dann aber alle Räder. Seine Erkenntnis, die er in Köln mit allen Anwesenden teilte: „Wir versuchen immer die zu finden, die Bock auf etwas haben. Viele andere ziehen dann nach.“ 

 

Wer an diesem Mittwoch in Köln dabei war, hatte „Bock“. Bock auf neue Ideen, auf Networking, auf das Drehen, wenden, gedankliche Kneten grüner Nudging-Ideen. In der Mittagspause tauschte man sich bei einem schmackhaften Fingerfood-Buffet rege aus. Und danach ging es in drei Gruppen ins Detail. Selbst einen Green Nudge zu entwickeln, lautete nun die Aufgabe. Team drei vertagte sich in den Besprechungsraum „Die Simultanten“ und diskutierte intensiv zum Thema „Flexibilität im Kopf“. Ein Nudge sollte her, der die Mitarbeitenden weg vom Auto und hin zu nachhaltigeren Fortbewegungsmitteln stupst.  

Die Ideen sprudelten nur so, ein Flip-Chart war schnell vollgeschrieben. Vom Extra-Urlaubstag für den Verzicht aufs Flugzeug auch im Privaten über Azubis oder studentische Hilfskräfte, die im Unternehmen als Mobilitätsberater eingesetzt werden, eine Stadtteil-Challenge, bei der Kolleg*Innen aus derselben Wohngegend gemeinsam mit dem Rad anreisen bis hin zu einer Mobilitätsberatung beim Onboarding. Schwierig wurde es erst, als die Gruppe aus den vielen Gedanken einen konkreten Nudge machen wollte. Wen will man erreichen? Welches Verhalten soll angeschubst werden? Wie lässt sich das erreichen?  

Die „Flexibilität-im-Kopf“-Gruppe erdachte schließlich Mathilda, eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die an zwei Tagen pro Woche ins Büro kommt. Sie soll dazu bewegt werden, zumindest einmal das Auto stehen zu lassen. Der Nudge, der sie anstupsen soll: Eine Mobilitätsgarantie des Arbeitgebers. Wenn etwas Außergewöhnliches passiert, die Kita ruft an, dass ein Kind abgeholt werden muss zum Beispiel, dann darf sich Mathilda auf Kosten des Unternehmens ein Taxi nehmen. Mit der Grundidee waren am Ende alle zufrieden, aber so richtig schlüssig ausgearbeitet wirkte das Konzept noch nicht. 

Den anderen beiden Gruppen ging es ähnlich. Schlimm war das allerdings nicht. Denn der Workshop hatte sein Ziel erreicht. Das zeigte sich in der abschließenden Feedback-Runde. Alle waren vor allem gekommen, um zu sehen, was und wie es die anderen machen. Und alle schienen am Ende inspiriert. Jeder konnte für sich etwas benennen, das er mitnehmen wird von dem Tag. Und es wirkte, als brenne es einigen unter den Nägeln, schon bald etwas von den neuen Ideen im eigenen Unternehmen umzusetzen.  

Auch da kann die driversity Netzwerkinitiative helfen. Anschluss-Workshops in den Unternehmen sind erwünscht und können jederzeit angefragt werden. Ein Angebot ist bereits festgezurrt: Am 15. Mai 2024 in Göttingen das Netzwerktreffen „Mind the gap – gemeinsame Schritte, statt alleine zu stolpern“.

Hannes von R + V fasste noch schön zusammen, was wichtig ist für ihn und viele Kolleg*Innen, egal ob mit oder ohne Nudges: „Mobilität ist kein Projekt, sondern ein Prozess. Sie verändert sich laufend und du musst ständig dranbleiben.“  

(C) Susanne Rohlfing